Weltkongress zur grünen Stadt

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Ob vertikale Gärten oder begrünte Fassaden – ein Weltkongress führte in Berlin rund 700 Experten über Visionen zur grünen Stadt zusammen.

Dass urbanes Grün mehr ist, als nur eine ästhetische Aufwertung der Stadt, haben die rund 700 internationalen Teilnehmer aus 43 Ländern beim Weltkongress für Gebäudegrün (WGIC) in Berlin bewiesen. Ende Juni diskutierten sie drei Tage lang über die aktuellen Entwicklungen und Visionen im Bereich der Dach-, Fassaden- und Innenraumbegrünung. Ein Trend, der angesichts der wachsenden Verdichtung der Städte und den einhergehenden Verlust an grünen Flächen, immer wichtiger wird.

Während der Veranstaltung, die unter Schirmherrschaft der Bundesbauministerin Barbara Hendricks stattfand, informierten über 100 Fachleute in verschiedenen Sessions und Exkursionen über die Möglichkeiten und Chancen begrünter Gebäude im Zusammenhang mit nachhaltigem Bauen, Regenwasserbewirtschaftung oder urbaner Landwirtschaft. Gleichzeitig wurde über städtische Strategien zur Gebäudebegrünung, Pflege und Wartung, sowie zu Kosten-Nutzen-Betrachtungen berichtet. Begleitet wurde der Kongress von einer Fachausstellung, bei der sich 45 Unternehmen und Verbände aus aller Welt mit ihrer Arbeit vorstellen konnten – darunter auch die Organisatoren des Kongresses, die Fachvereinigung Bauwerksbegrünung e.V. (FBB), das World Green Infrastructure Network (WGIN) und die European Federation Green Roofs and Wall Association (EFB).

Die drei Tage zeigten dabei vor allem eines: begrünte Fassaden und Dächer sind in der Stadt der Zukunft nicht mehr wegzudenken. Denn sie tragen zur Abkühlung, Lärmabsorption und der Verbesserung der Luftqualität bei. Gleichzeitig wirken sie als Schadstofffilter, steigern die Biodiversität und sorgen für mehr Lebensqualität in urbanen Ballungsräumen. Dabei müssten „städtische Räume zukünftig wie Schwämme funktionieren“, sagte Michael Prytula, Professor für ressourcenoptimiertes und klimaangepasstes Bauen an der Fachhochschule Potsdam. So könnten sie auf „starke Niederschlagsschwankungen reagieren und ausreichend innerstädtische Vegetationsflächen als Kühlstrukturen beinhalten“.

Vertikale Gärten für die Stadt

Zu Beginn des ersten Tages präsentierte der Begrünungskünstler Patrick Blanc seine Visionen von „vertikalen Gärten“. Blanc entwickelt weltweit Begrünungskonzepte für den urbanen Raum, bei denen er sich von der Natur inspirieren lässt. So imitiert er z.B. Felsen, Klippen und Wasserfälle und nimmt Wurzelsysteme, Blattfarben und -strukturen, aber auch Früchte und Samen zum Vorbild für die Ausgestaltung seiner sogenannten „living walls“. Während seines Vortrages betonte er, dass es besonders darauf ankomme, die richtigen Pflanzenarten für die jeweiligen Projekte auszuwählen. Sein Ziel: die vertikalen Gärten über viele Jahre hinweg in der Stadt zu erhalten.

Ein Vorzeigeprojekt aus Deutschland stellte das Wiener Landschaftsarchitektenduo Professor Maria Auböck und János Kárász vor: das Pschorr-Haus in der Münchner Innenstadt. So eröffnet sich hinter einer Glasfassade im oberen eine grüne Landschaft im Innenhof, die vom Erdgeschoss bis hin zum Dachgarten reicht. Innovative Begrünung an den Innenfassaden, exotische Pflanzen wie japanischer Ahorn, ein dreistöckiges Gewächshaus und eine intelligente Lösung zwischen Begrünung und Sonnenkollektoren schaffen eine neuartige, grüne Atmosphäre im städtischen Innenraum.

Grüne Gebäude tragen zu mehr Biodiversität bei

Dass begrünte Gebäude wichtige Lebensräume für Pflanzen und Tiere liefern, davon berichtete unter anderem Stephan Brenneisen von der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften (ZHAW). So könnten durch die Gestaltung von naturnahen Dachflächen neben Käfern, Heuschrecken, Wildbienen und Spinnen auch anspruchsvollere und seltene Arten die Ersatzlebensräume in der Stadt nutzen. Der ökologische Mehrwert bestehe vor allem darin, dass verschiedenste Tierarten das Grün auf den Dächern nutzen können, um sich anzusiedeln, zu vermehren und dauerhafte Populationen zu bilden. So finden sich allein 175 verschiedene Pflanzen, darunter neun Orchideenarten, auf dem seit über 100 Jahren begrünten Dach des Seewasserwerks in Wollishofen in der Schweiz. Brenneisens Forschungsgruppe Stadtökologie hat es sich zur Aufgabe gemacht, das Vorkommen von Tieren auf begrünten Dachflächen in einem Langzeitprojekt zu untersuchen und deren gezielte Förderung durch Einrichtungsvorgaben und Gestaltungsmaßnahmen voranzubringen.

Inklusive Gebäudeplanung gewährleisten

Nach Ansicht von Rainer Nagel, Vorstandsvorsitzender der Bundesstiftung Baukultur, gewinnen neben ökologischen Aspekten auch emotionale und funktionale Werte von Grünflächen zunehmend an Bedeutung. Das zeigten die Ergebnisse einer von der Bundesstiftung in Auftrag gegebenen Umfrage: Demnach wünschen sich die Menschen in den Städten neben einer guten Infrastruktur vor allem Nähe zur Natur. Vorzeigeprojekte wie die New Yorker Highline, der Millenniumpark in Chicago oder der Bosco Verticale in Mailand kommen diesen Wünschen bereits sehr nahe, so Nagel. Er betonte jedoch die Notwendigkeit, derartige Projekte inklusiv zu gestalten und nicht nur exklusiv für eine bestimmte Zielgruppe als Wohnraum zu gestalten. Öffentliche Schulbauprogramme wie die der Rütli-Schule Berlin oder der Hafen-City Schule Hamburg, die auf Außenraum- bzw. Dachbegrünung setzen, seien dabei ein gutes Vorbild.

Singapur als Stadt der Gärten

Über aktuelle Entwicklungen aus Singapur berichtete wiederum Lok Yan Ling von der singapurischen Umweltbehörde NParks. So steht der Begriff „Skyrise Greenery“ für das dortige Konzept zur Gebäudebegrünung – denn dort wo Natur nicht mehr in die Breite wachsen kann, werden Hochhäuser bepflanzt. Der dicht besiedelte Stadtstaat verfolgt die Vision einer sogenannten „Stadt der Gärten“. Dabei geht es darum, moderne Begrünungselemente ästhetisch in das alltägliche Leben der Einwohner zu integrieren. Aktuell schmücken die Stadt bereits 85 Hektar Gebäudegrün. Bis 2030 sollen es 200 Hektar sein – so lautet das nationale Ziel in Singapurs Stadtstrategie „Sustainable Blueprint“. Eine Entwicklung, die von staatlicher Seite u.a. durch finanzielle Anreize oder auch Zertifizierungssysteme unterstützt wird. Viel wichtiger als Anreize dieser Art sei jedoch, das öffentliche Bewusstsein für urbanes Grün zu stärken, unterstrich Lok Yan Ling. Die Organisation von öffentlichen Veranstaltungen, die Ausschreibung von Awards oder aber die Entwicklung von Richtlinien zur Gebäudebegrünung könnten dazu einen wesentlichen Beitrag leisten.

Interdisziplinäre Vernetzung und 12-Thesen-Fazit-Papier

Um derartige Konzepte umzusetzen sei eine interdisziplinäre Vernetzung von Bau- und Begrünungstechnik, Botanik und Architektur notwendig, betonte Gunter Mann, Präsident der Fachvereinigung Bauwerksbegrünung e.V. (FBB). Der Kongress biete hierfür die richtige Basis, das Thema sei nun endlich „salonfähig“. Die Organisatoren zeigten sich zufrieden mit der Veranstaltung und freuten sich über die rege Teilnahme aus dem Ausland. Etwa 30% kamen aus nicht-deutschsprachigen Ländern, die meisten davon aus Europa, doch es waren auch Teilnehmer u.a. aus Neuseeland, Australien, USA, China, Japan, Nepal, Indien, Kolumbien und dem Iran dabei.

Zum Abschluss des Kongresses wurde von den veranstaltenden Verbänden WGIN, EFB und FBB ein 12-Thesen-Fazit veröffentlicht, das auf Deutsch und Englisch auf der Internetseite der FBB verfügbar ist. Die FBB kündigte zudem an, ihre „Bundesweite Strategie Gebäudegrün“ fortzuführen und die Erfahrungen aus dem Weltkongress in das für Ende des Jahres erwartete Diskussionspapier 2.0 einfließen zu lassen. Zentraler Punkt der Strategie wird die Fortsetzung der verbandsübergreifenden Allianz Bauwerksbegrünung sein.

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